Hund leckt sich über die Nase, ein typisches Beschwichtigungssignal

Beschwichtigungssignale beim Hund richtig deuten

Kurzantwort: Beschwichtigungssignale sind körpersprachliche Zeichen, mit denen Hunde Spannung abbauen und Konflikte vermeiden wollen – etwa Züngeln, Blinzeln, Gähnen oder das Abwenden von Kopf und Blick. Die norwegische Hundetrainerin Turid Rugaas prägte den Begriff in den 1980er-Jahren zusammen mit Ståle Ødegaard und beschrieb rund 30 bis 37 solcher Signale.

Ein Hund, der sich unwohl fühlt, greift selten sofort an. Vorher zeigt er meist eine ganze Reihe kleiner, oft übersehener Signale.

Wer diese Zeichen kennt, versteht seinen Hund besser – und kann eingreifen, bevor aus Unbehagen echter Stress wird.

Woher der Begriff Beschwichtigungssignale stammt

Der Begriff „Calming Signals“ beziehungsweise Beschwichtigungssignale geht auf die norwegische Verhaltensforscherin Turid Rugaas zurück. Sie beobachtete gemeinsam mit Ståle Ødegaard über Jahre das Verhalten von Hunden und machte ihre Erkenntnisse international bekannt. Ihrer Einschätzung nach nutzen Hunde 30 bis 37 verschiedene Signale, die unterschiedlich deutlich zu erkennen sind. Bereits Konrad Lorenz beschäftigte sich Jahrzehnte zuvor mit der Körpersprache von Hunden, seine Deutungen gelten aus heutiger Sicht aber teils als überholt. Aus ethologischer Sicht handelt es sich bei Beschwichtigungssignalen um sogenannte umgelenkte Verhaltensweisen – Handlungen, die ursprünglich einem anderen Zweck dienten und im Lauf der Evolution zu einem eigenständigen Kommunikationssignal für Stressabbau wurden.

Was Beschwichtigungssignale bewirken sollen

Mit diesen Signalen will ein Hund seinem Gegenüber vermitteln, dass er sich in der Situation zwar unwohl fühlt, aber keine feindlichen Absichten hegt. Gegenüber anderen Hunden dienen sie dazu, Konflikte zu entschärfen, bevor sie eskalieren. Gegenüber Menschen bauen sie Stress ab – werden sie ignoriert, kann ein Hund auf defensiveres oder sogar aggressives Verhalten ausweichen. Ein Hund, der solche Signale zeigt, kommuniziert damit aktiv: Er versucht, eine drohende Eskalation frühzeitig zu entschärfen, statt sie erst im Ernstfall zu riskieren.

Die häufigsten Signale im Überblick

Zu den bekanntesten Beschwichtigungssignalen zählen:

  • Züngeln: kurzes Lecken über Lippen und Nase, eines der häufigsten Signale überhaupt
  • Blinzeln: die Augen zusammenkneifen oder die Lider leicht senken
  • Gähnen: nicht nur ein Zeichen von Müdigkeit, sondern häufig von Anspannung
  • Kopf abwenden: der Blickkontakt wird bewusst unterbrochen
  • Den ganzen Körper abwenden: Seite oder Hinterteil werden dem Gegenüber zugewandt
  • Sich hinsetzen oder hinlegen: teils mit dem Rücken zum Gegenüber
  • Pfote heben: eine Geste, die Unterordnung signalisiert
  • Am Boden schnüffeln: scheinbar ohne erkennbaren Grund, als Ablenkung von der Situation

Warum Umarmen für Hunde Stress bedeuten kann

Besonders bei kleinen Kindern führen Küssen und Umarmen häufig zu Beschwichtigungssignalen oder sogar Abwehrreaktionen, weil Hunde diese für Menschen liebevollen Gesten eher als Bedrängnis empfinden. Ein Hund, der bei einer Umarmung züngelt, den Kopf wegdreht oder blinzelt, sendet damit ein klares Signal, dass ihm die Situation zu nah ist. Anders als beim Menschen ist Umarmen im natürlichen Verhaltensrepertoire von Hunden nicht als beruhigende Geste verankert, sondern eher als Einschränkung der Bewegungsfreiheit – gerade in einer für den Hund unklaren oder aufregenden Situation kann das zusätzlichen Stress auslösen, selbst wenn die Absicht des Menschen eine liebevolle ist.

Wie Halter auf die Signale reagieren sollten

Wer ein Beschwichtigungssignal bei seinem Hund bemerkt, sollte der Situation Raum geben, statt sie zu erzwingen. Das kann bedeuten, den Abstand zu einem fremden Hund zu vergrößern, eine Umarmung zu beenden oder einen Besuch nicht länger auf den Hund einwirken zu lassen. Beschwichtigungssignale ernst zu nehmen, verhindert, dass ein Hund zu deutlicheren Mitteln wie Knurren oder Schnappen greifen muss, um gehört zu werden. Auch bei Tierarztbesuchen zeigt sich das: Die vertraute Anwesenheit des Halters kann die Zahl der gezeigten Beschwichtigungssignale spürbar senken, weil sie dem Hund in einer ohnehin ungewohnten Umgebung ein Stück Sicherheit gibt.

Weitere Signale, die leicht übersehen werden

Neben den bekanntesten Signalen zählen auch das Erstarren mitten in der Bewegung, ein tiefgestellter Vorderkörper in einer Streckbewegung, gesenkte Rute und gesenkter Körper sowie Hecheln ohne körperliche Anstrengung zu den Beschwichtigungssignalen. Gerade das Erstarren wird im Alltag häufig missverstanden – es wirkt ruhig, ist aber oft ein Zeichen von Anspannung, kein Zeichen von Gelassenheit.

Warum nicht jedes Gähnen ein Beschwichtigungssignal ist

Wichtig für die Einordnung: Nicht jedes Verhalten aus dieser Liste tritt ausschließlich als Beschwichtigungssignal auf. Ein Hund gähnt auch, wenn er müde ist, und züngelt manchmal einfach, weil er zuvor gefressen hat. Erst im Zusammenspiel mit der Situation – etwa kurz vor oder während einer angespannten Begegnung – lässt sich ein Signal sicher einordnen. Fachleute sprechen hier von „mehrfach belegten Signalen“: Eine Vorderkörpertiefstellung etwa, bei der ein Hund die Vorderläufe streckt und das Hinterteil hochhält, kann je nach Kontext eine fröhliche Spielaufforderung sein oder ein Beschwichtigungssignal – erkennbar meist erst am übrigen Verhalten des Hundes davor und danach, nicht an der Geste allein.

Wenn der Körperbau die Kommunikation erschwert

Manche Hunde können ihre Beschwichtigungssignale schlechter zeigen, als sie es eigentlich wollen. Langes Fell verdeckt Mimik im Gesicht, eine kupierte Rute fehlt als Signalträger, und bei kurzköpfigen (brachyzephalen) Rassen wirken selbst deutliche Signale durch die Kopfform manchmal kaum sichtbar. Das erschwert anderen Hunden und Menschen, die Stimmung richtig zu lesen – ein Grund mehr, auf die Gesamtsituation zu achten statt auf ein einzelnes Zeichen. Die grundsätzliche Fähigkeit, Beschwichtigungssignale zu zeigen, gilt als genetisch angelegt, lässt sich durch Erfahrung aber deutlich verändern: Ein Hund, der in der Sozialisationsphase viele positive Begegnungen erlebt hat, setzt sein Repertoire oft gezielter und früher ein als ein Hund mit wenig Übung im Kontakt zu Artgenossen und Menschen.

Wenn Signale wiederholt übergangen werden

Ein Hund, dessen Beschwichtigungssignale regelmäßig ignoriert werden, lernt mit der Zeit, dass sie nichts bewirken. Manche Hunde ziehen sich dann zurück, andere eskalieren schneller als nötig. Beide Entwicklungen lassen sich vermeiden, wenn Menschen im Umfeld – auch Kinder – lernen, die kleinen Signale zu erkennen und zu respektieren.

Quellen

Geschrieben von Bella, Redaktion hunde-gesundheit.net — er schreibt hier über Hunderassen, Haltung und Hundegesundheit.

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